BACHS KUNST DER FUGE
Johann Sebastian Bachs Kontrapunktzyklus Die Kunst der Fuge ist selbst innerhalb des Schaffens eines dermaßen produktiven Komponisten ein außerordentliches Werk. Es folgt noch dem Kunstideal der Renaissance: Nicht das Thema an sich (das lediglich für die Anwendung möglichst vieler kompositorischer Finessen geeignet sein muss), sondern dessen kunstvolle Verarbeitung bestimmt den Rang des Werkes und seines Komponisten.
Ein seit vielen Jahren anerkannter, ja bewunderter Komponist auf der Höhe seines Schaffens wendet sich einer Herausforderung zu, die ihn fast zehn Jahre beschäftigte. Er will zeigen, wie unendlich viele Möglichkeiten selbst in einer strengen musikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfenen Form wie der Fuge (hier als einfache, Doppel- oder Tripelfugen, Spiegelfugen, mit Umkehrung, Augmentation und Diminution u.a.m.) und der verwandten Form des Kanons stecken – sie zu erkennen und anzuwenden ist allerdings nur ein Meister des Fachs befähigt. Nebenbei will er damit auch den Regularien einer gelehrten Gesellschaft genügen, der Correspondierenden Sozietät der musicalischen Wissenschaften, die sein einflussreicher Schüler Lorenz Christoph Mizler initiiert hatte und deren Mitglied Bach drei Jahre vor seinem Tod wird. Mit ähnlicher Intention wird Beethoven sieben Jahrzehnte später seine Diabelli-Variationen komponieren (deren 24. Variation eine Hommage an Bach ist). Auch er will seinen Sonderrang dokumentieren, obwohl das nicht mehr nötig war.
Kunst kommt von können, gar müssen, sagt man gemeinhin. Warum lohnt sich eine Beschäftigung mit einem solch inkommensurablen Werk heute noch, in einer Zeit, in der sich der musikalische Stil grundlegend verändert hat, gerade wenn man nicht Komponist ist und in einem solch intensiven Ausmaß, wie es Nina Stoelting getan hat? Große Kunstwerke können Menschen verändern, ihr Selbstverständnis, ihre Wahrnehmung und ihre Selbstwahrnehmung. Sie wirken über den eigentlichen Bereich der Kunst hinaus – und man ist geneigt zu sagen, dies sei wichtiger denn je als Kontrapunkt zum (jeweils) aktuellen, davon oft weit entfernten Zeitgeist. Die Kunst der Fuge stellt höchste geistige Anforderungen: zunächst an ihre Interpreten im Bereich der Musik, weshalb der Zyklus nur sehr selten konzertant aufgeführt wird.
Sir András Schiff hat aus tiefem Respekt vor Bach bis zu seinem 70. Lebensjahr gewartet, bevor er den Zyklus nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit ihm erstmals öffentlich spielte. Nun sind wir in der glücklichen Lage, dass er ihn zu einem Repertoireschwerpunkt gemacht hat und des Öfteren spielt.
Dabei hatte Bach mit Sicherheit nicht vorausgesehen, dass der Zyklus, der ja kompositionswissenschaftlichen Ambitionen entsprang, je in die Musikpraxis eingeht. Angesichts der bisher vergleichsweise schmalen Aufführungsgeschichte wird dem Werk nun – fast drei Jahrhunderte nach seiner Entstehung – nicht nur breitere öffentliche Aufmerksamkeit, sondern auch höhere Wirkmacht zuwachsen.
Die aktuelle ‚Besinnung‘ auf die Kunst der Fuge durch Sir András Schiff zeigt Wirkung. Nina Stoelting, die sich schon seit längerem mit Musik beschäftigt und vor allem Streichquartette in Bildwelten übertragen hat, stellte sich in ihrem Metier der künstlerischen Herausforderung, uns die Individualität und Tiefe der 14 Fugen bildhaft vor Augen zu führen. Das möge ein Beitrag dazu sein, einen Werkzyklus nach und nach verstehen zu lernen, der uns in seiner Komplexität nur in Ansätzen und schon gar nicht auf Anhieb zugänglich ist. Große Kunst fordert höchsten Einsatz – auch vom Zuhörer beziehungsweise Betrachter. Und nicht zuletzt darin liegt der Wert, den sie für uns Normalsterbliche gewinnen kann – vorausgesetzt wir stellen uns der Herausforderung.
Dr. Michael Ladenburger