Nina Stoelting

Statement Weinbilder

Nina Stoelting in Katalog Nina Stoelting „Weinprobe”, 2000

Warum male ich, warum male ich Wein?

Angesichts der heute vielfach vorherrschenden neuen Medien und Werkformen in der Kunst erscheint es gar nicht mehr selbstverständlich zu malen. Unsere Welt verändert sich mit zunehmender Geschwindigkeit, die beinahe unbegrenzten Möglichkeiten der Kommunikation und neuester Technologie beschleunigen viele Prozesse. Allenthalben findet diese Thematik Eingang in die Kunst.
Vielleicht erleben wir gerade eine Phase, die der Industrialisierung im 18. Jahrhundert vergleichbar ist. Doch zeigen wird es sich erst der Nachwelt, was Bestand haben wird und worauf es hinausläuft. Faszinierend sind diese potenzierten Möglichkeiten schon. - Doch erzeugen sie bei mir andererseits auch Unbehagen und die große Sehnsucht, diesem Wandel etwas entgegenzusetzen, das nicht in wenigen Jahren von den neuesten Errungenschaften der Technik schon wieder überholt ist.
Die Chance, sich zu verlieren in dieser neuen Welt, ist hoch, die Grenze zwischen Virtualität und Wirklichkeit längst fließend. Auch wenn der Fortschritt mancherlei Gefahr in sich birgt, wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.
Für mich persönlich liegt der Weg, angesichts dieses ungeheueren Wandels nicht die Orientierung zu verlieren, im menschlichen Maßstab. Das, was ich mit meinen eigenen Sinnen erfassen kann, scheint mir angemessen und dadurch auch Vertrauen erweckend. Vielleicht ist das beschränkt, einschränkend sicherlich, aber es offenbart sich mir ein unermeßlicher Reichtum.

Kunst ist die leidenschaftliche Unterwerfung unter ein selbst gewähltes Schicksal.

Also male ich.
Und dann auch noch Tafelbilder, die seit fast fünfhundert Jahren zunehmend aus der Mode geraten sind. Insofern vielleicht eine Parallele zum Wein, der zwar fleißig getrunken wird, in der Kunst jedoch mit der Aufklärung an Bedeutung verloren hat. Vielfältig sind die Darstellungen des Dionysos und Bacchus aus früher Zeit, selbst ägyptische Werke sind erhalten geblieben. Dann jedoch schien der Wein mit der Kunst in der Tiefe des Mittelalters versunken zu sein, ehe er schließlich christlich besetzt, wiederkehrte. Zahlreich sind die Bezüge zur Bibel; der Wein ist das Symbol des Christentums überhaupt, die Eucharistie fundamental.

Glaube ist ein Phänomen, über das man geteilter Meinung sein kann. Ob jemand gläubig ist oder nicht, ist eine sehr persönliche Angelegenheit, unbestreitbar aber ist, daß das Christentum unsere Kultur geprägt hat. Nicht nur unsere Sitten, die Kunst, Städte und Dörfer sondern auch die Landschaft. Es ist kein Zufall, daß der Wein zeitgleich mit dem Christentum Verbreitung fand, auch weit über die Grenzen der heutigen Anbauflächen hinaus. Und wenn heute über Natur gesprochen wird, meint man doch im Grunde Kulturlandschaft; Weinberge sind dafür ein gutes Beispiel.

Ich kann nur malen, was in mir ist. Und ich habe eben diese Kultur verinnerlicht. Ich fühle mich aufgehoben in der Beständigkeit romanischer Kirchen und gotischer Kathedralen - oder bei einem Glas Wein. Ganz ohne Nachdenken. Allen Globalisierungstendenzen zum Trotz.

All dies ist noch kein Grund, immer und immer wieder Wein zu malen. Allenfalls der Hintergrund.

Ich gebe zu, ich mag Wein. Sehr. Seine Facetten berühren mich, die geschmacklichen wie die übertragenden. Seine Vielfalt. Seine Fähigkeit, Zeit festzuhalten.
Faszinierend ist jeder Versuch, das Wesen eines Weines einzufangen, die Ebene der Sinne zu wechseln. Der geschmackliche oder olfaktorische Reiz wird zum optischen, könnte man sagen, aber das ist viel zu theoretisch. Im Grunde ist es pure Lust der Sinne, reine Sinnlichkeit. Konzentration auf die eigene Empfindung, ein sublimiertes Spiel mit Farben, Material und Oberflächen. Authentische Erfahrung, Besinnung. Das ist die Welt, in der ich lebe.