Nina Stoelting

Einführung Weinbilder

Natalie Acker in Katalog Nina Stoelting „Weinprobe“, 2000

„Was wir erkennen, hängt davon ab, welche Struktur uns zugrunde liegt“

Eine junge frische Serie von Arbeiten der Künstlerin Nina Stoelting ist dem Thema Wein gewidmet. Obgleich die Bildtafeln in ihrer Mehrteiligkeit auf strategisches Vorgehen hindeuten, hat sich die Thematik Schritt für Schritt entwickelt – organisch. Ohne es damals zu wissen, führten viele Wege Nina Stoelting zu dem Etappenziel, das sie heute mit den Weinbildern erreicht hat.

Die Entwicklungsgeschichte im Zeitraffer

Am Anfang ihrer künstlerischen Entwicklung stehen abstrakte Bilder, von denen einige auf ihre Weise Markus Lüppertz´ Dithyrambenmalerei ähneln. Es folgt mit der Beteiligung an einem Experiment der entscheidende Einschnitt, der ihre künstlerische Entwicklung katalysiert: eine Ausschreibung zur bildlichen Umsetzung verschiedenster Düfte. Seither scheint es kaum ein Bild zu geben, das nicht das synästhetische Erleben von Duft und Farbe – oder später: Geschmack und Farbe, Rhythmus und Farbe – zum Thema hat. Zum ersten Mal verwendet sie von da an die (in der Malerei schwer zu handhabende) Farbe Rot; die Serien der Rosenbilder und der Seelenzustände entstehen. Beide Bildtypen – Seelenzustände und Rosenbilder – sind wichtige Marksteine ihrer Entwicklung. In ihnen werden wesentliche Stilkomponenten und Grundlagen vorbereitet, die die Künstlerin in den Weinbildern zu einer neuen Ordnung und Klarheit führt.

Gestaltungsprinzipien

Bei den Seelenzuständen wendet sie ein Gestaltungsprinzip an, das sich in den Weinbildern verselbständigt und dort zu einem dominanten Merkmal wird. Die Bildfläche ist unterteilt in eine eher monochrome und eine mehrfarbige Fläche: es sind sozusagen zwei Bilder in einem. Während Mark Rothko mit dem Prinzip der horizontalen Bildteilung eine Inkunabel der modernen abstrakten Kunst schuf, greift Stoelting zur Vertikalen. Beiden geht es mit diesen Bildern auch um die Darstellung religiöser Inhalte. Bei Stoeltings Rosenbildern wird die mehr oder weniger realistisch dargestellte Rose einer abstrakten Fläche gegenübergestellt, die einem breiten, gemalten Rahmen oder Fenster ähnelt. Mit diesem Gestaltungsmittel hebt sie das naturalistische Motiv auf eine abstrakte, ferne Ebene, so dass es über sich hinauswirken und symbolische Bedeutung annehmen kann.
Ein für die spätere Konstruktion der Weinbilder entscheidender Schritt folgt: die abstrakten, fast monochromen Bildteile werden auf eigene Tafeln quadratischen Zuschnitts übertragen und jeweils neben ein Rosenbild gesetzt. Mehrteile Bilder entstehen.

Das erste Weinbild – Blut Christi

Eine neue Serie bahnt sich ihren Weg. Zwei ungegenständliche Bildtafeln ergänzen eine dritte, die eine symbolische Darstellung zeigt: das Blut Christi, symbolisiert in Form einer Weintraube. In der christlichen Mythologie existieren zahlreiche Konnexe zwischen Christus und dem Wein, bei der Hochzeit zu Kana, der Eucharistie und in den Schriften der Jünger (bei Johannes 15, 1ff; Christus: „Ich bin der Weinstock, ihr die Rebzweige“). In Stoeltings Darstellung wird auf einen speziellen Aspekt, nämlich dem der Eucharistie Bezug genommen: Wein wird dort zu Blut verwandelt. Auch Darstellungen der Beweinung Christi stehen dieser nahe: aus Christus Seitenwunde fallen in mittelalterlichen Darstellungen Blutstropfen traubenförmig herab. Diese werden als Zeichen der Vorstellung von „Christus als mystischer Traube“ gewertet, so wie es im Mittelalter allegorische Darstellungen von der „mystischen Kelter“ gibt, in denen Jesus den Wein in einer Kelter stampft.
Der Bezug vom Wein hin zum Blut wird in der abstrakten, roten Tafel separat verdeutlicht. Das changierende Rot gilt der Metamorphose: es ist Wein und Blut zugleich. Ein dritter Zustand, zu sehen auf der dritten Tafel, scheint auf materielle Verstofflichung hinzuweisen: er ist mit dunklem Samt überzogen. Es geht um etwas, das nicht mehr gemalt werden kann, aber – auf einer anderen Daseinsebene – doch existiert.

Christliche Ikonographie

Neben den Rosenbildern gibt es auch eine Serie von Wasser- bzw. Fischbildern. In der christlichen Ikonographie spielen beide eine wichtige Rolle, der Fisch als Symbol der Taufe, die Rose als Sinnbild blutigen Leidens. Die Wunden Christi beispielsweise wurden auch schon als Rosen dargestellt. Nicht zuletzt weist auch die von Nina Stoelting gewählte Technik auf Traditionen christlicher Kunst hin: einerseits das Tafelbild (anstatt Leinwand), andererseits die Mehrteiligkeit des Bildes wie bei den christlichen Altarbildern, die geklappt werden können und von beiden Seiten bemalt wurden.
Scheinbar spielerisch und unbewusst verwendet die Künstlerin religiöse Symbolik und entwickelt daraus Bildzyklen, die nur den ikonographischen Experten oder religiös gebildeten Menschen an jene Tradition erinnern. Sie betrachtet die christliche Ikonographie vielmehr als eine den Abbildungen per se zugrunde liegende Struktur. So hat sie dann auch das „Blut Christi“-Bild in „Pinot noir“ umgetauft und damit den – auf das Diesseitige bezogenen – Grundstein zu ihrer aktuellen Serie von Arbeiten gelegt.
Die in den Bildern verborgene religiöse Symbolik schwelt indes weiter. Ob der Zeitpunkt für eine Rückkehr zu religiösen Inhalten in der Kunst der richtige sei, bezweifelt sie nicht. Sie sieht in der Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition – und damit den abendländischen Wurzeln – die Zukunft.

Wein ist nicht gleich Wein

Diese Erkenntnis ist den Weinbildern Nina Stoeltings durchaus anzumerken. Nicht nur Weinsorten wie Riesling, Chablis oder Muskateller werden dargestellt, auch Jahrgangs- und Lagenweine wie der „Riesling Wallufer Walkenberg `96“. Die Erfahrung, Düfte in Bilder zu übersetzen, überträgt die Künstlerin heute auf ihre aus gemahlenem Marmor, Pigment und Acryl hergestellten Weinpanoramen.
Beim Betrachten eines dieser Panoramen wiederholt sich ein gewisses Bildschema: das Auge wandert – nachdem es sich einen kurzen Überblick verschafft hat – von der naturalistischen Bildtafel zu den ungegenständlichen Bildteilen, um am Ende wieder zu dem Bild mit der Darstellung der noch am Rebstock hängenden, prallen Traube zurückzukehren. Dieser Prozeß kann sich mehrfach wiederholen, je nach Aufmerksamkeit, die der Betrachter dem Bildzyklus schenkt. Damit nimmt das naturalistische Bild eine Art Schlüsselposition ein. Vermutet der Betrachter zunächst in den abstrakten Bildteilen „Zooms“ (Vergrößerungen) aus dem gegenständlichen Bildteil, so wird er enttäuscht. Es sind vielmehr eigene Realitäten in diesen Bildtafeln geschaffen, die jedoch hinsichtlich ihrer Strukturen und dezidierten Farbmodulation deutlich auf das naturalistische Bildquadrat Bezug nehmen.
Es können zwei bis sieben abstrakte Zustände sein, die Nina Stoelting für einen einzigen Wein „beschreibt“. Die Entstehung dieser Bildteile kann folgendermaßen erklärt werden:
Beim Weintrinken wird zuerst die Farbe des Weines im Glas bemerkt – sie ist anders als die Farbe seiner Traube. Dann spürt man die Duftnote („Blume“!) beim Riechen. Und schließlich setzt sich der Geschmack aus unterschiedlichen Komponenten zusammen: Säuregrad, Aromen (häufig Blütendüfte oder Hölzer), und nicht zuletzt dem so genannten „Abgang“, dem Nachgeschmack, den nur die guten Weine besitzen. Diese Sinnesempfindungen versucht der Weinkenner beim Trinken einzeln herauszuschmecken – nichts anderes tut die Künstlerin, während sie sich sorgsam prüfend ihre Skizzen macht, oder anders gesagt: sich wortwörtlich „ein Bild macht“ von diesen unterschiedlichen Sinneserfahrungen.
Dass alle Einzelbestandteile zusammen wieder ein Ganzes ergeben, wird im naturalistischen Bildteil gezeigt: es ist ein Alpha und Omega zugleich. Dass es mehr ist, als die Summe seiner Teile (der anderen Bildteile nämlich), erkennt man daran, dass die Künstlerin bewusst immer nur einen kleinen Ausschnitt wählt: eine volle, pralle Traube, umrankt von einigen Weinblättern, die an allen vier Seiten ins Unendliche laufen. Das Bild ist an seinen seitlichen Rändern bemalt, strömt über die Bildkanten und weist über sich hinaus.

Strukturen des Ichs

Nina Stoelting liebt die Ruhe und die sie inspirierende Kraft mittelalterlicher christlicher Kirchen. Deren Reiz ist für sie nur schwer erklärbar; ihre Erziehung war nicht religiös. Es zieht sie an Orte christlichen Kults, natürlich auch weil diese Kirchen eine besondere Magie in unserer von Technik, Überfluss und Äußerlichkeiten bestimmten Welt entfalten. Sie fühlt sich ihnen aber auch näher und vertrauter als den Stätten anderer Religionen, zum Beispiel den Tempeln des Buddhismus. Offensichtlich sind es die abendländischen Wurzeln, ihre persönliche, verborgene Kultur, die sie sucht. 1996 schreibt sie in eines ihrer Bilder den Satz: „Was wir erkennen, hängt davon ab, welche Struktur uns zugrunde liegt.“ Die christliche Kultur ist eine dieser Strukturen – Nina Stoelting hat sich auf die innere Suche danach begeben. Wie andere fragt sie sich, warum sie so ist, wie sie ist. Mit ihrer Kunst findet sie Antworten auf diese Frage: Standortbestimmung und Selbsterkenntnis. Und wieder einmal: in vino veritas.