„Unser Denken ist selber ein Vorgang in der Natur. Und alles, was ist, ist in der Zeit. So ist die Natur selbst in der Geschichte… Die Natur ist älter als der Mensch; der Mensch ist älter als die Naturwissenschaft… Und kommt es nicht am Ende nur darauf an, dass man die Natur nicht erkennen kann, wenn man sie nicht liebt?“

Carl Friedrich von Weizsäcker

Lust und Leid

Immer wieder setzt sich der Mensch in Beziehung zur Welt. Insbesondere der Künstler ist getrieben, sich diese Welt und ihre Erscheinung anzueignen, sie in Einklang zu bringen mit seinem intuitiv erspähten Ideal. Die Unerfüllbarkeit dieses Verlangens ist die ewige Quelle des künstlerischen Antriebs, der sich zwischen zwei Polen bewegt: Dem Glück, wenn man glaubt zu erhaschen, „was die Welt im Innersten erhält“ – und dem Leid an der eigenen Unzulänglichkeit. Gleichgültigkeit fehlt immer. 

Oft wird von der Freiheit des Künstlers gesprochen. Ich behaupte, das Gegenteil ist der Fall: Der Künstler ist Gefangener seiner ewigen, rastlosen Suche nach „Begreifen“ oder Erkennen. Beliebigkeit macht frei, aber die Kunst erfordert die Bereitschaft in aller Kompromißlosigkeit zu dienen - unermüdlich, den Zweifeln ausgesetzt, mit dem Glauben an die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns ringend. Letztlich hilft hier nur die Demut, diesen Mythos des Sisyphos fortzuschreiben.

Und eben in dieser Demut liegt auch ein Glück. In der Akzeptanz der eigenen Dimension – nämlich dieser im Verhältnis zum Universum so verschwindenden Nichtigkeit und der im Verhältnis zum Nichts relativen Größe – nährt sich das Wissen, das letztlich doch alles eines ist. Das Unendliche, das Absolute scheint manchmal erfahrbar. – Doch leider scheint es nur so: Glaubt man sich dem „(Be)greifen“ nahe, entschwindet es, bleibt unfassbar.

Und dennoch hinterlassen diese Momente Spuren im Kunstwerk. 

Kunst und Wissenschaft

Durch die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte verändert sich sehr rasant das „Bild von der Welt“. Auch dies hat sehr viel mit Dimension zu tun: Verblüffend wie Mikro- und Makrostrukturen sich ähneln, wie das Kleine und das Große plötzlich deckungsgleich werden! Und vielleicht wird ausgerechnet die Neurobiologie das Geheimnis des Bewusstseins – des Seins? – lösen.

Den freien Willen scheint es nicht zu geben, lediglich eine spezifische Verknüpfung von Strukturen. (Worin auch die Sklaverei des Künstlers in seinem scheinbar selbst gewählten Schicksal ihre Erklärung fände…) So vernichtend das Fehlen des freien Willens auf den ersten Blick anmutet, so sehr er sämtliche philosophische Gedanken der Menschheit ad absurdum führen mag, hat er doch in seiner logischen Konsequenz eine sympathische Schlichtheit. Wenn wir nur eine – zugegebenermaßen einmalige – Struktur in dieser Welt sind, wird unsere Masse nach dem Tod in eine andere Struktur verwandelt, bleibt aber erhalten. Gleich, ob man das nach dem Erhaltungssatz von Newton betrachten möchte oder frei nach Heraklit, alles fließt, so ergibt sich daraus doch ein Kreislauf, etwas Absolutes, das unsere mikrobiologischen Prozesse ebenso mit umschließt wie bislang ungeahnte Galaxien.

Zwar arbeiten Wissenschaftler und Künstler mit unterschiedlichen Instrumentarien - oder Erkenntnisformen - doch letztlich zielen beide auf Erfassen der Welt, der so genannten „absoluten Wahrheit“. Ebenso wie die Wissenschaft ist die Kunst eine Form der Weltaneignung; seit der Aufklärung zählt daher die Kunst – als Ästhetik – zu den in Wissenschaften.

Ob jemand ein „großer“ Künstler wird, hängt weniger von seinen handwerklichen Fähigkeiten ab als von seiner Gabe des Sehens, des Erkennens. Will man eine Zeichnung machen, ein Abbild von etwas, setzt dies voraus, es sehr genau anzuschauen. Vielleicht hört sich das banal an, ist aber schwierig. In gewisser Weise muß man das zu zeichnende „Ding“ verinnerlich, seine Struktur er-„fassen“ und be-„greifen“, um es dann überhaupt wiedergeben zu können. Dabei wird es einerseits zu einem Teil des Künstlers selbst (weil es ja im Bewusstsein sitzt und dort sogar materiell vorhanden ist, wie sich durch Hirnströme nachweisen ließe), andererseits – und das löst Erstaunen aus – offenbaren sich Verwandtschaften zwischen dem Selbst und dem „Ding“.

Nehmen wir als Beispiel den Baum.

Unser Verwandter – der Baum

Heute wissen wir, dass zelluläre und biochemische Abläufe bei Baum und Mensch ähnlich sind. Bei beiden liegt der genetische Code in Basentripletts der DNS im Zellkern. Bäume pflanzen sich geschlechtlich fort, sie wachsen, altern, stehen in Konkurrenz untereinander und bewegen sich sogar - wenn auch nicht weg von ihrem Standort -, sie reagieren auf Reize, indem Informationen durch Hormone weitergegeben werden.

Schon Paracelsus schrieb: „Dieses Gewächs gleicht dem Menschen.“ 

Optisch läßt sich dieses Gleichnis gut ablesen: Der aufrechte Stamm, auf dem das Haupt ruht, die Äste strecken sich wie Arme, die Blätter wie Finger in den Raum. Und das einzelne Blatt: Es nimmt mit seinen Adern die Struktur des Baumes wieder auf und somit unsere eigene, denn auch mit all ihren feinen Äderchen und Poren ähneln die Blättern der menschlichen Haut.

Ganz reduziert drückt all dies schon das Runensymbol für den germanischen Lebensbaum aus, der sich aus de Zeichen für Frau und Mann zusammensetzt, die Assoziationen zu einer Wurzel und einer Baumkrone wecken. 

Mensch wie Baum sind Individuum. So einzigartig ein jeder ist, so wenig „Einsiedler“ gibt es unter ihnen. Bäume nehmen Raum ein, bilden ihn aber auch. Ist ein einzelner an sich schon ein Kosmos für allerlei Leben, wie unsere Erde jedoch ist er nur Teil einer „Milchstraße“: dem Wald.

Kulturgeschichte

Mensch und Baum sind vom Klima abhängig. Erst mit dem Ende der Eiszeit konnte überhaupt eine Entwicklung beginnen, die „unserem Kulturkreis“ hinreichende Grundlagen bot. Doch auch danach dauerte es Jahrtausende bis sich durch Klimaveränderungen und der Erfindung der Bronze im zweiten vorchristlichen Jahrtausend zwischen den beinahe unendlich ausgedehnten Wäldern eine gewisse Zivilisation ausbilden konnte. Das Römische Reich weitete sich aus dem warmen Süden heraus weit nach Norden aus, doch selbst Plinius schrieb noch über die unbezwingbaren Urwälder am Rhein „…sie bedecken das ganze übrige Germanien und fügen zur Kälte noch das Dunkel der Schatten…“ Und dennoch, ohne die Wälder in der Tiefebene Nordwestdeutschlands, die seit alters her als „Wiege der deutschen Kultur“ gilt, hätte die Entwicklungsgeschichte einen anderen Verlauf genommen. Das Holz, bei den Römern „materia“ genannt (von mater, matrix) war sozusagen die Urmutter für zahllose Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Ob Brennstoff, Baustoff, Wildgehege, Futter- oder Heilmittel, unersetzlich war der Wald für die Gewinnung von Erz, Glas, Papier, Waffen, Kleidung und vieles mehr.

Aus dieser immer differenzierten Nutzung des Holzes entwickelte sich nach der Zeit der Völkerwanderung während des Mittelalters ein enormes Wissen und eine Vielzahl spezifische Berufe, die die Basis für die heute noch weltweit führende, technologische Rolle „Kerneuropas“ bilden. 

Ursprünglich wurde der Wald als Niemandsland angesehen, doch wuchs mit der Verdichtung der Bevölkerung auch der private Grundbesitz. Im frühen Mittelalter hatte jeder freie Mann das Recht, auf „Hammerwurfweite“ ein ausgewähltes Stück Wald zu roden und urbar zu machen, woran noch viele Ortsnamen mit der Endung –rode oder -reut erinnern. Das Nutzungsrecht des Gemeinen Waldes wurde erst eingeschränkt als Kirche und Adel immer festere Strukturen ausbildeten und als Folge dessen die wirtschaftliche Bedeutung des Waldes stark stieg. So sehr war Holz die Grundlage für Kulturdasein und Wirtschaftsleben, daß man häufig die europäische Kulturgeschichte bis zum 19. Jahrhundert als „hölzernes Zeitalter“ bezeichnet.

Im Volkstum haben sich zahlreiche Bräuche tradiert, die von den schillernden Facetten der „Baumgeschichten“ erzählen. Ob gruselige Darstellungen der Lynchjustiz unter den Grenzbäumen, die Liebesbekundungen an die Auserwählte durch den Maibaum oder einfach saftige Sprüche wie „auf den Eichen wachsen die besten Schinken“, da die Eichelmast für Schweine weit verbreitet war, zahllos sind die Anekdoten, die im Laufe der Jahrhunderte immer neue Schwerpunkte beschreiben; anfangs noch sehr archaisch, dann mehr und mehr im kirchlichen Kontext, wo die Gottesgaben des Waldes gelobt werden, um schließlich zur Jagdgesellschaft des Adels zu wechseln. 

Zuletzt rühmte die Romantik das Ideal der Natur im Baume, doch inzwischen hatte die starke wirtschaftliche Ausnutzung der Wälder ganz andere Tatsachen geschaffen: Kahlschlag und starke Bodenerosion waren die Kehrseite des Aufschwungs, was gegen Ende des 18. Jahrhunderts den Ruf nach einer nachhaltigen Fortwirtschaft laut werden ließ. 

Einiges hat sich seither verändert und doch müssen wohl erst die „Klimakatastrophen“ der heutigen Zeit ausgerufen werden, um die Ahnung zu erwecken, dass die gedankenlose Ausbeutung der Natur eine Sackgasse für den Menschen sein könnte. 

Mythos Baum

Viele Völker führten die Existenz des Menschen selbst auf Baum und Wald zurück und verehrten die Bäume als Gottheiten. Heilige Haine waren Ort der Versammlung, des Opfers und des Gerichtes. Das Gilgamesch-Epos, Ovids Metamorphosen und die Edda-Sage sind wohl die berühmtesten Beispiele für ungezählte Mythen, in denen vom Göttlichen der Bäume berichtet wird. Yggdrasil, die Weltenesche bestimmte das Schicksal der Germanen, denn „Die Esche ist der größte und beste aller Bäume, ihre Zweige erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel empor“, berichtet die Edda. Ask und Embla, Esche und Ulme, wurden als Treibgut liegend gefunden, ihnen hauchten die Asen Lebensatem, Seele, Wärme und Farbe ein, so entstanden Mann und Frau. 

Tacitus berichtet über den germanischen Baumkult: „Ihre Wälder halten sie heilig, und mit Götternamen rufen sie jenes ferne, unschaubare Wesen, das nur ihrer frommer Schauder sieht.“

Mit dem Aufkommen des christlichen Glaubens sollte es damit natürlich vorbei sein. „Zerstört alle heiligen Stätten, wo die Heiden … ihren Göttern gedient haben, es sei auf hohen Bergen, auf Hügeln und unter allen grünen Bäumen.“ (5. Mose, 12, 2) Die christlichen Missionare führten einen harten Kampf gegen den gotteslästerlichen Baumkult und zerstörten despotisch die geweihten, heidnischen Stätten. – Doch so ganz gelang dies nicht immer. Auch Kobolde, Zwerge und Trolle wollten nicht weichen, Feen (von lat. fata, fatum = Schicksal), Elfen und Nymphen blieben hartnäckig, so dass die Kirchenväter sich schließlich gezwungen sahen, sie als „arme Seelen“ unter ihre Fittiche zu nehmen. 

Widersprüche blieben bestehen und selbst Bernhard von Clairvaux notierte: „Die Bäume und die Steine werden Dich Dinge lehren, die Dir kein Mensch sagen wird.“ Hierzu zählt auch das Astwerk der gotischen Dome, die ein versteinertes Abbild des religiös längst überwunden geglaubten Waldes darstellen.

Ein Kompromiss war die Marienverehrung, durch die manch ein unausrottbar mystischer Baum in seiner Bedeutung einfach umgewidmet wurde. Bereits Jesaja verglich Maria mit einem Baum und Jesus mit dessen Frucht, so dass unter diesem Interpretationswandel Baumwallfahrten direkt in Mode kamen und sogar Kirchen um Bäume herum gebaut wurden.

Auch der Erfolg unseres Tannenbaumes liegt wohl mindestens ebenso sehr in der altgermanischen Sitte, mit grünen Zweigen die Mittwinterzeit zu feiern wie im Ursprung als Paradiesbaum…

Ikonographie und Sprachkunst

Grundsätzlich ist der Baum im Christentum ja kein Fremder. Bereits in der Genesis ließ „Gott der Herr aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“ Durch den Sündenfall kam der Baum des Todes hinzu. Komplex sind diese Beziehungen, bieten aber durch den Tod Christi am Kreuz die Hoffnung auf Erlösung, so dass sie den Kern des christlichen Glaubens begründen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass das Kreuz Christi aus dem Holz des Baumes der Erkenntnis gezimmert wurde. Die Baumart variiert dabei beträchtlich, doch wie bereits in vielen früheren Kulturen entwickelten sich im Laufe der Geschichte einzelne Bäume zu Symbolen für spezifische Deutungen. Ordnete man früher die Eiche dem Zeus zu, verehrten in ihr die Germanen den Donnergott Thor, steht sie nun für das Kreuz und die Beständigkeit des christlichen Glaubens. Auch andere Bäume weisen über sich hinaus: Die Akazie steht hierbei für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die Stechpalme für die Dornenkrone und die Tanne für die himmlische Auserwählung und Geduld. Während Ulmen für Kraft und den Schutz durch den Glauben bürgen, verkünden Zedern und Zypressen die ewige Herrschaft Gottes.

Die Kunstgeschichte als Ausdruck dieser Inhalte ist mit Bäumen reich bestückt. Doch nicht nur in der bildenden Kunst, in denen die Einzelzuweisungen der Baumarten besondere Bedeutung erhielten, sondern auch in der Poesie haben Bäume ganz allgemein als Symbol von Werden und Vergehen Einzug gehalten. Interessant ist daher der Zusammenhang von Bäumen, Büchern und Runen:

Zwar nimmt man an, dass die Originallettern der ersten Buchdruckversuche Gutenbergs aus Buchenholz geschnitten waren, doch die wahre Verbindung offenbart sich in der Bedeutung unseres „Buchstabens“. Dieses Wort geht bis ins Althochdeutsche zurück und belegt, dass das germanische Runenalphabet in Buchen-Stäbe geritzt wurde, die sich durch den glatten Stamm besonders gut dafür eigneten. Die Rune bedeutet „Geheimnis“ und ist noch in unserem Wort „Geraune“ enthalten. Erstmals tauchten sie bei der germanischen Göttin Idun auf, die ihrem Gatten Runenzeichen in die Zunge ritzte, wodurch dieser die magische Kraft der Worte erwarb.

Ist es ein Zufall, dass auch Papier aus Bäumen „wächst“? Sprache, Schrift und Literatur; all dies gehört zusammen - doch auch Bäume erzählen Geschichte(n). 

Im Allgemeinen überdauern Bäume das Menschenleben um ein Vielfaches. Daher ist auch heute noch ist so manche ehrwürdige Buche von „Geritztem“ geziert, wo sich der Mensch in der Hoffnung Ausdruck gab, dass er– und sehr oft seine Liebe – ewig währet…

Baumbilder

Weit ist der beschriebene Bogen: Vom Drang des Künstlers, über Erkenntnistheorie zu unserem Verwandten, dem Baum - seine Bedeutung in Kulturgeschichte und Kunst.

Wenn hier auch nur angerissen, so schwingen all diese Zusammenhänge in dem Zyklus der „Baumbilder“ mit.

Jahre sind seit den ersten Skizzen vergangen, lust- und leidvolle Stunden… Nun gibt es Ergebnisse, die sich in drei eigenständige Serien gliedern lassen:

TAFELBILDER

Die Tafelbilder könnten auch als Objekte gelten, denn sie bestehen mit 180 x 40 x 6 cm nicht nur aus einer frontalen Fläche, sondern auch aus bemalten Seitenansichten. Auf der eigentlichen Bildfläche sind maßstabsgetreu als Relief die Rinden spezifischer Bäume dargestellt, auf den Seitenfläche unter der Stärke der Rinde die angeschnittene Holzfläche.

Rindenstrukturen sind das Thema der Baumbilder. In ihrem Format und der detaillierten Ausführung wirkend sie irritierend, der Natur so täuschend ähnlich, dass für den Betrachter die Grenze zwischen natürlichem oder künstlichen Objekt in Frage gestellt ist.

Trotz aller Ähnlichkeit mit der Natur, die dargestellten Rinden gibt es dort nicht. Sie sind das idealtypische „Muster“ einer Eiche, Esche, Birke… Durch die Herauslösung aus ihrem natürlichen Kontext entsteht eine Eigenständigkeit und Abstraktion, in der es nicht mehr um das einzelne Individuum eines tatsächlichen Baumes geht, sondern um eine spezifische Struktur. Voraussetzung ist, seinen Bauplan zu be-„greifen“. Die Lust des Haptischen steht dabei mindestens gleichwertig neben dem allgemein sinnlichen und intellektuellen Erfassen. Diese Strukturen als Kunstwerk weisen weit über sich hinaus, es stellen sich plötzlich ungeahnte Fragen, die keineswegs rein wissenschaftlich sind. Es liegt am Betrachter und seinem eigenen Wesen, in einen Dialog mit den Bildern zu treten, dessen Ende offen ist.

Sämtliche Tafelbilder: Mischtechnik auf Holz, 40 x 180 x 6 cm, 2005-2007

ZEICHNUNGEN

Wiederum geht es um die Darstellung von Rindenstrukturen. Auch die auf das Monochrome reduzierten Zeichnungen zielen ganz der Konzentration auf das Idealtypische der einzelnen Bäume. 

Durch die dreidimensional anmutende zeichnerische Umsetzung, die aber naturgemäß der Fläche verhaftet bleibt, entstehen beinahe abstrakte Bilder, die Spielraum für Interpretationen lassen. Die Leichtigkeit der Zeichnung kontrastiert anregend mit dem Archaischen der Thematik. Obwohl die Zeichnungen eins zu eins erfasst sind, stellt sich schnell die Frage nach der Dimension, denn es könnten ebenso gut Makro- oder Mikrostrukturen abgebildet sein, Landschaften oder Bodenreliefs oder was auch immer ein jeder assoziiert, denn wieder verraten sie Bilder ebenso viel über den Betrachter und dessen Struktur wie über sich selbst.

Sämtliche Zeichnungen: Sepiakohle auf Papier, 14 x 25 cm (Zeichnungsgröße), 2006-2007

BUCH-STABEN

Bäume erzählen Geschichte(n). 

Viele der glatten Buchenstämme an oft begangenen Waldwegen oder stillen Parkwinkeln sind von „Geritztem“ gezeichnet. Der Mensch hinterläßt Botschaften und Zeichen im Baum, um sie „über die Zeit hinaus“ zu retten. Oft geht es um die Liebe, die ewig währen möge, manchmal auch nur um eine Manifestation des eigenen Ego, oft sind es technischen Zeichen, manchmal mag es aber auch einfach die spielerische Lust an der Zeichenhaftigkeit sein, die dazu verleitet.

Eine Auswahl dieser Botschaften wurden „abgenommen“ und laden - nun als aufgearbeitete Frottagen in einem gänzlich anderen Kontext – dazu ein, Geschichten zu erzählen.

Sämtlich auf Papier, frottiert, 2007

Persönliches

Beinahe täglich gehe ich in den Wald. Dabei ist schon das „Eintreten“ ein Erlebnis, denn während ein Wald von außen betracht etwas Abwehrendes an sich hat, umschließt er einen, nimmt einen in seinem Raum auf, sobald man eine Grenze überschreitet. Diese Grenze gibt es bei jedem Wald, sie macht ihn sozusagen aus. 

In „meinem Wald“ ist mir jeder Baum vertraut, erzählt mir seine immer wiederkehrende Geschichte. Je nach Jahreszeit offenbart sich etwas ganz anderes, das in seinem Verlauf wohl dem Menschenleben ähnelt. Das Frühjahr ist im Grunde relativ kurz, natürlich kündigte es sich langsam und allmählich an, aber dann explodieren die Knospen und das Vogelgezwitscher und innerhalb weniger Tage trägt er plötzlich sein hellgrünes Kleid. Überall Jubel und Farben! - Danach geht es dann wieder gemächlicher zu. Wenn die Baumblüten erst einmal abgefallen sind, und sie sind ja beileibe nicht so dominant wie bei den Blumen, verliert sich allmählich die Differenzierung des Grüns. Es scheint eine gewisse „Normalität“ einzukehren, ein Heranreifen, das über den ganzen Sommer dauert und im Herbst seine Früchte trägt. In einem leuchtenden Aufbegehren weicht er einer großen Melancholie, denn ab November läßt sich der Verfall dann nicht mehr aufhalten. Noch stehe ich wie unbeteiligt daneben, doch diese gewisse Ahnung ist dann stets gegenwärtig… Die große erhabene Schönheit und ruhige Kraft des Waldes liegt für mich allerdings im Winter. Wenn die hohen Buchenwälder wie Kathedralen stehen, weiß ich, es gibt keinen Tod (wohl den Individuellen, aber er geht auf in der Größe der Unendlichkeit), es ist nur ein scheinbares Innehalten, eine Metamorphose.

Wenn ich die Grenze des Waldes überschritten habe, werde ich ganz ruhig, allmählich scheint sich sogar die Grenze zwischen mir und dem Wald aufzuheben. Manchmal, in sehr seltenen Momenten fühle ich mich eins mit den Blättern eines Baums, wie sie leicht im Winde wiegen, sich zum Licht recken. Manchmal taste ich die Rinde, am liebsten wenn sie warm und Sonnen beschienen ist und glaube dann, es selber zu sein.

Welch ein Trost ist die Vorstellung, mich in diesem Baum zu wissen und im Kreislauf der Natur ewige Geborgenheit zu finden.

Nina Stoelting, Mai 2007